Josef Speth

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Kunst aus dem Schonraum des stillen Kämmerleins
Ausstellungsreihe »Kunst im Amt« im Jahr 2003 wird mit Werken von Josef Speth und H. Brendel eröffnet

Kreis Miltenberg. Richtungsweisend für das ganze Jahr, so möchte Kulturreferentin Gaby Schmidt die neue Skulpturenschau der Reihe »Kunst im Amt« verstanden wissen. Wie geschaffen dafür seien die Werke von Josef Speth und Helmut Brendel, die im Landratsamt Miltenberg unter dem Titel »Begegnungen - Erfahrungen - Stationen« den ganzen Januar über zum Betrachten einladen. Für beide Künstler stehe der Mensch im Mittelpunkt. Aber nicht nur in der Kunst, auch im profanen Leben sei das gesellschaftliche Engagement für beide von zentraler Bedeutung. Der Amorbacher Pädagoge Speth dokumentiere das unter anderem mit seiner Arbeit im »Kunstnetz«, der Erlenbacher Chirurg Brendel mit seinem lebensrettenden Einsatz im OP-Saal.


Viele Gemeinsamkeiten haben die beiden Autodidakten Josef Speth (links) und Helmut Brendel. Das ist auch ihrer gemeinsamen Ausstellung "Begegnungen - Erfahrungen - Stationen" im Landratsamt Miltenberg anzumerken.

Nicht nur die lachlustigen Klarinettistinnen Sarah Burkhardt und Julia Schaper sorgten am Freitagabend mit Mozart and Dixie für gut gelaunte Gesichter. Auch die Laudatio von Reinhold Grzega kam ganz ohne tiefschürfendes Wortegeklingel aus und verwandelte die lärmende Menge kunstbegeisterter in eine Herde aufmerksamer Lauscher. Der ehemalige Leiter des Amorbacher Gymnasiums steht ja nicht gerade in dem Ruf, mit der modernen Kunst auf »Du und Du« zu sein. Aber Abstraktes werde hier ja auch nicht geboten, Speth und Brendel machen es dem Betrachter nicht unnötig schwer. Sie fordern, so Grzega, keine kühne Gedankenakrobatik, um verstanden zu werden.
Für beide ist es das erste Mal, dass sie nach einer Zeit des Ringens den »Schonraum des stillen Kämmerleins« verlassen, um sich der Kritik der Öffentlichkeit zu stellen.  

Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten. Speth und Brendel sind Autodidakten. Mit namhaften Galerien oder berühmten Lehrern kann keiner von ihnen aufwarten, alles, was sie können, haben sie sich auf der Schule des Lebens, also durch »learning by doing« erworben. Auch in der Wahl ihrer Themen kommen sie sich erstaunlich nahe. Beide nutzen die abstrahierende Ebene der Kunst, um sich mit ihrem persönlichen Leben auseinander zu setzen. Sie geben preis, was sie bewegt, und deshalb ist es auch keine ge­genstandslose Kunst, die die beiden präsentieren. »Freude«, »Trauer«, »Schicksalsbewältigung«, »Stille« - die mannigfaltigen Seelenzustände in den menschlichen Beziehungen sind es, um die ihre Exponate kreisen. Es liegt nicht in ihrer Absicht, die Wirklichkeit möglichst eins zu eins abzubilden, vielmehr wollen sie durch betrachterfreundliche Abstraktion etwas Verborgenes sichtbar machen.  

Am ehesten wird das deutlich in Josef Speths Plastik »Langer Schatten«. Speth, dessen bevorzugte Materialien Holz und Ton sind, ist leidenschaftlicher Sammler und findet die Objekte seiner Begierde auf ausgedehnten Streifzügen in den heimischen Wäldern. Der »Lange Schatten« ist eigentlich nichts als ein circa zwei Meter langes Fundstück aus Holz. Speth nahm zwei kleine Veränderungen vor und legte so eine archaisch anmutende Figur mit menschlichem Profil frei. Eine der wenigen Plastiken, die nicht einen dieser gefühlsgeschwängerten Titel trägt. Auch die beiden klitzekleinen Flügelchen aus gesplittertem Holz weisen in dieselbe Richtung. Welcher Zwergenengel mag jetzt im Wald vergeblich nach ihnen suchen?  
Helmut Brendels Material könnte gegensätzlicher nicht sein; er kreiert seine »Geschöpfe« aus blankem Stahl. Reine Ästhetik stehe zwar nicht im Vordergrund, und auf eine saubere Naht lege der Chirurg bei seiner Arbeit im OP wohl mehr Wert als bei seinen Skulpturen, merkte Grzega scherzhaft an. Aber die Grazie und der ekstatische Schwung, mit dem sich die Tanzende mit empor gerissenen Armen in einem Akt der Verzückung in die Lüfte zu heben scheint - das setzt schon profunde Kenntnis der Eigenarten des unfreundlichen Materials voraus. Wo sind die Arme anzusetzen, welcher Winkel zum Körper ist notwendig, um den gewünschten Ausdruck zu erreichen? Fragen, die Brendel bei seinem Schaffensprozess beschäftigen.  

Zwischen Kontemplation und Ekstase bewegen sich die Titel seiner Werke und korrespondieren auf augenfällige Weise mit den Figuren seines Künstlerkollegens. Aus dieser Seelenverwandtschaft der beiden resultiert auch die große Geschlossenheit der Ausstellung, die in der Gemein­schaftsplastik »Begegnung« ihren Höhepunkt findet.

Antonia Calasse

 

[Quelle: Bote vom Untermain, 13. Januar 2003]

 

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